Zitat des Augenblicks

Ruf sie zurück, mit ihr rufst du dein Glück. / Ein neues Band, es wär' ein neu Beginnen, / mit ihr nur setzest du dein Leben fort. / Und wie die Wunde, die, von kluger Hand / geschlossen, allgemach, verborgen heilt, / die abgerißnen Fäserchen sich suchen / und eigne Heilkraft, selbsterzeugte Säfte / hinüber und herüber Brücken baun, / bis selbst der Narbe letzte Spur verschwunden, / so wirst du stehen, ein gesunder Leib, / in deiner frühern Kraft und deiner Schöne. / Sag nicht, sie habe Fehler, dies und das. / Es ist das Weib vom Selbst des Manns ein Teil. / Und wer hat seinen Arm sich abgehauen, / weil er ihm nicht gefiel, den Fuß gekürzt, / weil er zu lang, das Auge ausgebohrt, / weil braun es war, nicht blau? Ertrag das Leichte, / damit dir jemand tragen hilft, was schwer! / Und findest du die Beste des Geschlechts, / kannst du ihr geben die Erinnerungen, / die jene mitträgt aus dem Lenz der Tage, / wo noch das Leben grün, die Wünsche biegsam, / von einem Schnitt der bittersüßen Neigung / sich Pfropfreis fügt und Stämmchen hold in eins, / zu eines Daseins ungeteilten Früchten? / Das Alter, Herr, ich seh's an meinem Ohm, / ist weis' und klug, die Jugend aber heilig; / erhalt sie in der Jugendfreundin dir!

Franz GrillparzerSchriftsteller, Direktor des Hofkammerarchives, Gründungsmitglied der "Österreichischen Akademie der...